The India Challenge – Part 1
Ungefähr ein Viertel der Fläche von Deutschland über 91 Millionen Einwohner, das ist der Bundesstaat West Bengalen im Nord-Osten des riesigen Subkontinents Indien. Hier liegt unser erster Berührungspunkt mit dem letzten Land unserer Reise.
Am 7. April 2011 sind wir nach kurzem Zwischenstopp in Bangkok in der zweitgrößten Stadt Indiens Kolkata (ehemals Kalkutta, über 15 Mio. Einwohner) gelandet und wurden wie erwartet von dem lauten Tuten und Klingeln der unzähligen Taxis, Tuk-Tuks und Rikschas begrüßt. Kolkata ist ein brühend heißer Kochtopf auf dessen Straßen sich gestern und morgen, bettelarm und superreich über den Weg laufen und baufällige Kolonialbauten direkt neben polierten Bankgebäuden stehen. Kolkata kann man nicht besuchen, man muss es erleben. Kleine Gassen in denen sich die Bewohner der umliegenden Häuser an den Straßenbrunnen waschen, Kühe, Ziegen und sonstiges Getier auf der Hauptstraße, Straßenhändler die jeden Quadratmeter Bürgersteig in einen Essens- oder Chaiteestand verwandeln, unendliche Massen an Kleidung und gefälschten Markenklamotten und dazwischen die Bettler, Straßenkinder und Menschen mit den unerklärlichsten Verstümmelungen.
Welcome to India!
Wir haben diese Eindrücke drei Tage lang aufgenommen und können sagen, dass Kolkata einen ganz eigenen Charme hat. Und der Ordnung halber sei noch gesagt nicht wie fälschlicherweise von einem deutschen Schlager behauptet am Ganges sondern am Hoogly River liegt.
Vor allem unser Besuch im Mutterhaus und dem Waisenheim des Mutter Teresa Ordens hat uns gezeigt, wie mit ein bisschen Nächstenliebe in der oft so lebensfeindlichen Umgebung der Großstadt dem Leben der kleinen Waisenkinder ein neues Fundament gegeben werden kann. 50 m von der hupenden und dreckigen Hauptstraße entfernt haben es die Nonnen geschafft saubere und ruhige Orte der Hoffnung zu schaffen. Wenn man nach dem Besuch wieder auf die Straßen Kolkatas zurück kommt merkt man aber auch, dass Projekte wie diese nur ein kleiner Tropfen auf einen sehr heißen Stein sind.
Mit dem Nachzug sind wir anschließend weiter Richtung Norden gefahren. Darjeeling Tee ist ein weltweit bekanntes Markenzeichen und eine 100.000 Einwohnerstadt in den 2.100 m hoch gelegenen Vorläufern des Himalayas. Kleinste Gassen die keinen Verkehr zulassen sind in die steilen Hänge Darjeelings gebaut und sind die Lebensadern dieser Stadt und gleichzeitig ein grenzenloser Markt. In Darjeeling begegnet einem nicht nur der allgegenwärtige Tee sondern vor allem auch eine hohe Dichte an Outdoorkleidung. Denn Darjeeling ist eben auch ein guter Ausgangspunkt um die Mittelgebirge und Ausläufer des Himalayas zu bewandern von wo aus man bei gutem Wetter mit dem Khangchendzonga den dritthöchsten Berg der Welt aus ehrfürchtiger Entfernung bestaunen kann. Nach kurzer Eingewöhnungsphase an die Temperaturen und die Höhe sind wir gemeinsam mit unserem Bergführer Shirin zu der 3 Nächte / 4 Tage Wandertour auf dem Singalia Ridge Trek aufgebrochen. Leider war uns das gute Wetter nicht immer so treu, aber die freundlichen Bergbewohner haben immer ein Plätzchen vor dem Feuer und einen heißen Tee für einen durchgefrorenen und nassen Touristen parat. Vorbei an blühenden Rhododendron Büschen und Bergziegen haben wir uns am zweiten Tag bis hoch auf den Sandakphu (3636 m und der höchste Berg in West-Bengalen) geschraubt. Bei ca. 7°C im Gebäude (!) konnten wir den Vorwarnungen anderer Indienreisender – „es wäre um diese Jahreszeit so wahnsinnig heiß in Indien“ – nur ein eingefrorenes Lächeln abgewinnen. Trotz einiger gesundheitlicher Herausforderungen, die auch mit der Höhe zu tun hatten haben wir die Tage im „Allgäu des Himalaya“ sehr genossen.
Der Muskelkater in den Beinen vom 20 km Abstieg war noch nicht ganz abgeklungen, da saßen wir schon wieder im Zug. Der Toy-Train heißt vermutlich so weil seine Schmalspur Dampflok tatsächlich ein bisschen an eine große Märklin Eisenbahn erinnert. Früher das wichtigste Verkehrsmittel zwischen Darjeeling und dem flachen Land, bringt er heute nur noch Touristen auf den Berg und wieder runter. Wir haben uns im gemütlichen Tempo vorbei an Gemüsehändlern und politischen Demonstrationen die die Straßen gesperrt haben (es sind bald Wahlen) wieder fast bis ins Tal bringen lassen. Nach einer weiteren heißen Fahrt mit 12 Personen im Off-Road Jeep sind wir wieder auf 150 M.ü.M. in Siliguri gelandet um dieses noch am gleichen Tag mit dem Übernachtbus in Richtung Varanasi, einen der großen heiligen Orte am Ganges zu verlassen.
Auf dem Weg dorthin haben wir einen Zwischenstopp auf dem Bahnhof von Patna verbringen müssen/dürfen. Ein hoffentlich einmaliges Erlebnis. Denn nachdem uns in der Warteschlange vor dem Kassenschalter aus der geschlossenen Reisverschlusstasche das glücklicherweise 5 Jahre alte und ausgeschaltete Handy geklaut wurde, mussten wir 3 Stunden auf dem Bahnsteig ausharren. Zusammen mit einer nicht abreißenden Kette an Bettlern und dem ständigen Gefühl nicht nur beobachtet, sondern regelrecht begafft zu werden und dem beißenden Geruch tierischer und menschlicher Auswürfe in der Nase. Aber, auch hier gab es Lichtblicke. Der etwa 10 jährige Rahul hat uns fast 3 Stunden lang begleitet. Seine wenigen Fetzen Englisch haben nicht ausgereicht um mit Ihm zu sprechen. Aber der kleine Bub, der irgendwo hinter dem Bahnhof lebt hat uns nicht ein einziges Mal nach Geld gefragt. Er wollt uns nur Seifenpapier verkaufen und bei uns sein, da er einfach fasziniert war (genau wie wir von Ihm). Es ist komisch, aber irgendwie konnten wir seinen Augen und seinem Lächeln ansehen, dass er anders als die anderen Straßenkinder ist. Seine Geschichte könnte vielleicht eines Tages positiv ausgehen. Hoffen wir, dass das kleine Glücksschwein das wir Ihm gegeben haben ihm hoffentlich echtes Glück bringt. Mit sehr gemischten Gefühlen haben wir Patna am 17. April 2011 um 11:50 Uhr verlassen.
Dennoch blicken wir positiv nach vorne. Mit unserer nächsten Station Varanasi haben wir eine Stadt vor uns in deren engen Gassen nur Motorräder, Kühe, Straßenhunde und Müll Platz haben. An deren Gangesufer die Gläubigen im septischen Wasser des Ganges baden und Ihre Toten verbrennen und wo wir uns erst einmal ein etwas besseres Hotel genommen haben, damit wir eine saubere Rückzugsinsel haben. Indien ist und bleibt eine Herausforderung!
Viele Bilder von den ersten 10 Tagen auf dem Subkontinent gibt’s wie gewohnt unter:
http://www.handstandbackpacker.com/galleries/
http://www.handstandbackpacker.com/handstands
Heiße Grüße aus Varanasi, Isa und Stefan.
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